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Wie kommt der Krieg ins Kind

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2018

Schwer vorstellbar, wie ein literarisches Werk dieser Tage tiefer in das Herz der Gegenwartsdebatten vordringen sollte als dieses.
Felix Stephan, Süddeutsche Zeitung

Ein beeindruckendes Buch.
Anja Kümmel, ZEIT Online

Ein sehr persönliches Buch, gleichwohl ein ungemein lehrreiches und politisch brisantes.
Melanie Weidemüller, Deutschlandfunk Büchermarkt

Klug und atmosphärisch dicht.
Shelly Kupferberg, Deutschlandfunk Kultur Lesart

Eine literarisch hoch interessante, sehr persönliche Auseinandersetzung mit Zeit- und Familiengeschichte.
Tilla Fuchs, Saarländischer Rundfunk

Großartig, klug, schlicht ergreifend und unbedingt lesenswert!
Oliver Fründt, buechergilde-frankfurt.de

Ab dem 11.11.2019 auch als Taschenbuch bei btb. Mit einem ausführlichen Nachwort der Autorin: „Das zweite Leben der Bücher“ – über erstaunliche Begegnungen, Reaktionen aufs Buch und Überlegungen zu einer europäischen Erinnerungskultur.

In Gedenken an Wojciech
(in der Mitte, mit Schnauzbart)

„Eine erste Lesung aus „Wie kommt der Krieg ins Kind“  in Polen fand im Mai 2019 am Willy-Brandt-Zentrum für deutsch-europäische Studien an der Universität Wrocław/Breslau statt (Centrum Studiów Niemieckich i Europejskich im. Willy’ego Brandta Uniwersytetu Wrocławskiego oder kurz CSNE). Das im Südwesten des Landes gelegene Wrocław ist mit ca. 640.000 Einwohnern nach Warschau, Krakau und Łódź die viertgrößte Stadt Polens und Hauptstadt der Woiwodschaft Niederschlesien. Nach 1945 erlebte sie einen fast vollständigen Bevölkerungsaustausch. Vor der Veranstaltung machte ich einen ausgiebigen Stadtspaziergang durch die wunderschöne historische Altstadt, und stieß dabei auf manches, seit Kindheit Vertrautes. In den Kirchen auf Papst Wojtyla und die schwarze Madonna von Tschenstochau, in Kunsthandwerksgeschäften auf Bernstein, Bunzlauer Keramik, Schnitzarbeiten und phantastische Webteppiche und Decken, die auch mein Elternhaus geschmückt hatten. Willkommen daheim? Im Restaurant Konspira begegnete mir die Geschichte der Solidarność, an die dort mit Dokumentarfilmausschnitten, mit einer Bibliothek, dem legendär gewordenen Schriftzug und musealen Apparaten der Untergrundpresse erinnert wird. An eine Wand sind die Portraits der Todesopfer tapeziert, unter denen ich schließlich unseren Freund Wojciech Cieśliewicz entdeckte, eine unverhoffte Begegnung, die mir zu Herzen ging. Die junge Bedienung, eine Studentin, stand gerührt neben mir, ihr waren die Gesichter der Toten im Nebenzimmer bislang nicht weiter aufgefallen. Die Erlebnisse des Tages bestimmen dann den abendlichen Leseparcours, in der Annahme, dass mein Text von einem polnischen Publikum in vieler Hinsicht konkreter verstanden würde als in Deutschland oder in Österreich. Die Passage über den Journalisten Wojciech lese ich zum ersten Mal gleichsam als Hommage überhaupt öffentlich, und schloss mit der Passage über das ehemalige Haus meiner Familie am Schwersenzer Markt, das ein Papierhaus werden solle, ein europäisches, utopisches Haus, das immer im Bau sei, und niemals fertig werde.

Der Direktor des Zentrums, Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz, umschrieb im anschließenden Publikumsgespräch mein Buch als eine Anleitung zum Denken. Durch die Kulissenwechsel und manch verwirrenden Zeitsprung sei man als Leser dazu gezwungen, immer wieder neue Perspektiven einzunehmen. Das Buch könne man auch als ein Modell lesen, wie Geschichte gehen könne, die man nur vom Hören und über Akten kenne. Das Thema sei nicht neu, es fülle ganze Bibliotheken. Doch gerade in jüngerer Zeit werde mehr und mehr versucht, auf die andere Geschichte einzugehen und sie aus verschiedenen Blickwinkeln heraus zu erzählen. Auch in Wroclaw/Breslau frage man sich, wem diese Stadt gehöre, und finde darauf noch immer keine wirklich befriedigende Antwort. Wie lange dauere es wohl noch, diese auf beiden Seiten bestehenden Traumata zu verarbeiten? Wie sähe die nächste, notwendige Ebene des Erinnerns und Erzählens aus? Nach dem Publikumsgespräch zog der sensibel durch den Abend führende Germanist Dr. Piotr Przybyła das Fazit mit den Worten, das wir keinen politisch brisanten, aber doch einen persönlichen und lehrreichen Abend erlebt hätten. Ob ihn das enttäuscht habe, frage ich zurück. Nein, im Gegenteil, er sei froh darüber. Politisch ist mitunter gleichbedeutend mit polemisch, lerne ich hinzu – und das überall auf der Welt …“

Ganzer Text nachzulesen im Nachwort zur Taschenbuchausgabe, btb 2019

Vom 9.-12. Mai 2019 fand in Chemnitz die Jahrestagung  des deutschen PEN Zentrums statt. Unter dem Motto VIELFALT STATT EINFALT nahmen Mitglieder des PEN an einer „poetisch-politischen Manifestation und W:ortkundgebung mit Stimmen aus aller Welt“ auf dem Chemnitzer Theaterplatz teil.
Mein Rede-Beitrag:

 

Fremde

 ich will nicht

will nicht reden

ich bin

gezwungen, zu reden, wo nur Schweigen mich schützen, wo allein meine Unsichtbarkeit mich bewahren könnte, retten

reden vor Menschen, die meine Sprache nicht sprechen, die nicht verstehen, wovon ich rede, nicht begreifen, wie ich es meine, die nicht verstehen können, nicht begreifen wollen

muss reden vor Menschen die

auf der anderen Seite des Zaunes stehen

auf der anderen Seite der Geschichte

auf der anderen Seite der Wahrheit

muss reden, wo meine Verurteilung bereits feststeht

reden in einer Sprache, die ich nicht spreche

du lügst!

in einer Sprache, die ich nicht verstehe

sie lügt!

mit Menschen, die ich nicht verstehe

alles Lüge!

mich uns nicht euch sie nicht ich dich nicht wir sie nicht verstehen

gemeinsam einsam

sto

o

o

ott tt tern

wir in Richtung Abgrund

fallen tiiiiiiiiiiiiiiiief

fallen

stopp!

ich muss reden, auch wenn andere mir nicht glauben

kein Interesse haben zu glauben

Menschen, denen meine Geschichte nicht gefällt

nicht gefällt, dass ich lebe

da bin

hier

bin

hier

lebe in einer Welt, in der ich störe, fremd bin überflüssig

eine Welt, die ihre eigenen Geschichten erzählt

die meine Geschichte erzählt ohne mich

wozu noch Worte verlieren?

kennst du das: alles, was du sagst, kehrt sich gegen dich?

was auch immer du sagst, du weckst nur Überdruss und Hass?

was auch immer

es schürt nur Zweifel, Wut, Feindseligkeit

es provoziert nur Hohn und Spott?

du sprichst, der andere spricht es dir ab

Lüge Lüge Lüge

alles, was du sagst, wird bestritten?

Lüge Lüge Lüge

du redest dich um Kopf und Kragen

jetzt stehst du da

von allen guten Wörtern verlassen

wie gerne wäre ich jetzt still

hätte ich nie gesprochen!

wie gerne wäre ich jetzt …

gib mir deine Hand!

… still …

deine Hand!

wer bist du?

deine Hand!

nachzulesen in: „Wir leben in der Erinnerung von Morgen. Entwürfe, Vergewisserungen, Zeitdiagnosen.“ Die Horen. Bd. 210. Zusammengestellt von Jürgen Krätzer

http://www.die-horen.de/9783835331952-wir-leben-in-den-erinnerungen-von-morgen.html

Klaus Mann: The Chaplain /
Il Cappellano

Es ist fast völlig unbekannt, dass Thomas Manns ältester Sohn Klaus, der Autor des verfemten Romans Mephisto, an der Entstehung von Roberto Rossellinis neoveristischem Klassiker Paisà (1946) sehr aktiv beteiligt war. Paisà schildert in sechs Episoden die Befreiung Italiens 1943 bis 1945 von Faschismus und Nationalsozialismus durch die alliierten Streitkräfte – sowie die schon damals daraus resultierenden menschlichen „Kollateralschäden“. Um Hitler zu bekämpfen, war Klaus Mann freiwillig der US-Army beigetreten. Der „Schriftsteller in Uniform“ hatte das gespaltene, in Blut getränkte Land während des Italienfeldzugs kennengelernt – als Angehöriger der Psyological Warfare Branch, der Abteilung für psychologische Kriegsführung, zeitweise unmittelbar an der Front.
Klaus Manns detailliert ausgearbeitetes Drehbuch um einen pazifistischen Militärgeistlichen und einen jungen Faschisten wurde nie gedreht, aus Gründen, die wiederum eine spannenende Geschichte ergeben. Der ergreifende Text, im amerikanischen Original „The Chaplain“ betitelt, gilt als Klaus Manns letztes abgeschlossenes Werk, ehe der Schriftsteller seinem Leben – als eine finale politische Botschaft für den Weltfrieden – 1949 ein Ende setzte.

Den noch ungedrehten Film nach Italien zu bringen, an den Futa Pass im nördlichen Apennin zwischen Florenz und Bologna, wo die Tragödie Weihnachten 1944 gespielt hatte, war, gemeinsam mit dem Klaus-Mann-Biograph Fredric Kroll, mein lange gehegter Wunsch.
Erlaubt der überwältigende, überregionale Erfolg des „Cappellano“ in Italien den Rückschluss, dass Klaus Manns Text noch heute – oder wieder – den Nerv einer gespaltenen Bevölkerung „zwischen den Fronten“ trifft?
Erstmalige Übersetzung des Drehbuchs ins Italienische
herausgegeben und kommentiert von Alberto Gualandi und Pier Giorgio Ardeni
mit Beiträgen von Fredric Kroll, Susanne Fritz und Lorenzo Bonosi.

Edizioni Pendragon, Bologna 2018
Pressestimmen: http://www.pendragon.it